Eine Abrechnung mit Heinrich Böll

Vielleicht erinnern Sie sich noch an diese eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll mit dem Titel „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“. Kurz zusammengefasst geht sie so:

Ein Italien-Tourist der 1950er oder 1960er Jahre bummelt am späten Morgen durch den Hafen und entdeckt einen Fischer, der sich nach getaner Arbeit ausruht. Der Tourist spricht ihn an und will ihn motivieren, ein zweites Mal rauszufahren und den zusätzlichen Verdienst auf ein zweites Boot zu sparen, damit er einen Angestellten dazunehmen kann, der ihm zusätzlichen Verdienst bringt für weitere Boote. Mit der Zeit könne er sich eine kleine Fischerei-Flotte aufbauen und richtig reich werden. Der Fischer fragt zurück, wozu das gut sein soll. Der Tourist antwortet (sinngemäß): Dann könne er am Strand liegen und das Leben genießen. Und der Fischer kontert: Das könne er doch jetzt schon. Und damit endet diese Geschichte.

Diese Geschichte hat eine ganze Generation von linksorientierten Menschen geprägt. Die Geschichte und die Pointe am Ende klingen ja wirklich sehr knackig: Wozu mehr arbeiten als nötig? Lieber den Tag genießen. Die protestantische Arbeitsethik, die zu Deutschlands Wohlstand beigetragen hat, ist damit ein gutes Stück auf der Strecke geblieben. Es ist ja auch zu schön, um wahr zu sein, dieses italienische Idyll, das vor einem halben Jahrhundert ins arbeitswütige Wiederaufbau-Deutschland verpflanzt worden ist und damals eine ganze Generation von Böll-Fans geprägt hat.

Aber die Folgen

Aber vielleicht ist die Geschichte nur so gut angekommen, weil keiner über weitere Folgen nachgedacht hat. Weil es den Lesern an Tiefgang gefehlt hat. Weil sie sich von der Idylle haben einlullen lassen.

Denn: natürlich ist es eine feine Sache, ein Leben lang nur so viel zu arbeiten wie nötig, um ein Dach über dem Kopf und genug Essen auf dem Tisch zu haben. Und sobald das erreicht ist, gibt es Siesta. Oder Fiesta. Oder was auch immer. Jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr, bis der Fischer ein alter Mann ist.

Ob er zwischendurch mal Lust bekommt, sein Dorf und seinen Hafen zu verlassen und sich ein wenig die Welt anzuschauen? Einmal nach Rom und Florenz, um das Kolosseum und die Uffizien anzuschauen? Vielleicht auch über Italien hinaus gehen und andere europäische Städte und Sehenswürdigkeiten auf sich wirken lassen? Gut, das Reisen ist gar nicht jedermanns Sache. Aber vielleicht hätte der Fischer mit mehr Geld auch mehr Genuss in sein Leben hineinbringen können. Immer nur Vino und Pasta allein oder mit der Familie daheim ist ja gut und schön. Mit mehr Geld hätte er Frau und Familie auch öfter in ein Restaurant einladen können. Und Freunde noch dazu. In Gesellschaft gemeinsam genießen hat ja auch etwas.

Armsein im Alter

Es ist aber nicht nur die Frage, was der Fischer sich zeit seines Lebens nicht leisten konnte. Eine andere Frage ist, was das Alter bringt. Vielleicht hat der Fischer mit zunehmendem Alter gemerkt, welche Annehmlichkeiten fürs Altern inzwischen auf dem Markt erhältlich sind – und wenn es nur eine beheizbare Decke für feucht-kalte Winterabende ist. Oder vielleicht ist er im Alter inzwischen gehbehindert … wie angenehm wäre es doch, wenn er sich ganz locker-flockig ein mehrere Tausend Euro teures Elektrogefährt leisten könnte.

Mit etwas mehr Geld, kann man sich im Alter sehr viel mehr an Annehmlichkeiten leisten. Aber Heinrich Böll fand es ja prima, wenn der Fischer arm bleibt und sein Leben lang am Strand herumhängt. Solche Annehmlichkeiten hat er ihm einfach nicht gegönnt.

Auf die unterste Ebene der Bedürfnispyramide begrenzt

Was Heinrich Böll aber vor allem getan hat (und auch deshalb hat er sich diese Abrechnung verdient). Geprägt von Rousseau und anderen Romantikern fehlte ihm der vernünftige Blick auf die von Maslow im Jahr 1943 entwickelte Bedürfnispyramide (als Anmerkung: Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ wurde 1963 publiziert, also 20 Jahre später).

Falls Sie die Maslowsche Bedürfnispyramide nicht kennen, hier eine kurze Erklärung:
1. Ebene: am unteren, breiten Ende der Pyramide stehen die Grund- oder Existenzbedürfnisse des Lebens und Überlebens wie die Luft zum Atmen, Wasser, Nahrung, Schlaf, Fortpflanzung, dazu noch ein Dach über dem Kopf und (in kühlen Regionen) ein entsprechender Schutz vor Kälte.
2. Ebene: sind diese elementaren Bedürfnisse befriedigt, sucht der Mensch, sein Bedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen wie die Gesundheit, Sicherheit im Zuhause, bei der Arbeit etc.
3. Ebene: hier kommt das Bedürfnis nach sozialem Austausch und Zugehörigkeit, sei es Familie, Freunde, eine Gruppe oder eine andere Gemeinschaft.
4. Ebene: die Individualbedürfnisse mit dem Wunsch nach mentaler oder körperlicher Stärke sowie dem Wunsch nach Ansehen, Achtung, Wertschätzung etc.
Weitere Ebenen: anfangs gab es bei Maslow nur die fünfte Ebene der Selbstverwirklichung, in seinen späteren Lebensjahren ergänzte er nach der vierten Ebene noch folgende Stufen: 5. Ebene mit kognitiven Bedürfnissen (Neugier und Wissenwollen), 6. Ebene mit ästhetischen Bedürfnissen, 7. Ebene mit der Selbstverwirklichung und auf der 8. Ebene die Transzendenz, d.h. der Sinn/das Streben nach einer das Selbst überschreitenden Dimension.

Kurz und gut: Heinrich Böll gönnt dem armen italienischen Fischer die Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse, aber nicht mehr.

Wie gut, dass wir bei der LKR dieses linke Identitätsgeschrei nicht teilen. Sonst müsste man sagen, das ist ja eine quasi kolonialistische Von-Oben-Herab-Haltung, was Böll hier getrieben hat.

Nicht der Tourist liegt falsch, der dem Fischer eine Weiterentwicklung in Richtung Wohlstand zugetraut und gegönnt hätte. Sondern Böll liegt falsch – weil er dem Fischer diese Weiterentwicklung nicht gönnt und ihn (dem romantisch-verklärten Bild Rousseaus entsprechend) als einen selbstentwicklungsunfähigen und der protestantisch Arbeitsethik fernen Menschen darstellt. Eigentlich ganz schön arrogant. Oder nicht?

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